Parva Aesthetica

Originalität

"'Heute', beklagte sich Herr K., 'gibt es Unzählige, die sich öffentlich rühmen, ganz allein große Bücher verfassen zu können, und dies wird allgemein gebilligt. Der chinesische Philosoph Dschuang Dsi verfaßte noch im Mannesalter ein Buch von hunderttausend Wörtern, das zu neun Zehnteln aus Zitaten bestand. Solche Bücher können bei uns nicht mehr geschrieben werden, da der Geist fehlt. Infolgedessen werden Gedanken nur in eigner Werkstatt hergestellt, indem sich der faul vorkommt, der nicht genug davon fertigbringt. Freilich gibt es dann auch keinen Gedanken, der übernommen werden, und auch keine Formulierung eines Gedankens, die zitiert werden könnte. Wie wenig brauchen diese alle zu ihrer Tätigkeit! Ein Federhalter und etwas Papier ist das einzige, was sie vorzeigen können! Und ohne jede Hilfe, nur mit dem kümmerlichen Material, das ein einzelner auf seinen Armen herbeischaffen kann, errichten sie ihre Hütten! Größere Gebäude kennen sie nicht als solche, die ein einziger zu bauen imstande ist!'" (Bertold Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner)


Dem Künstler zum Bedenken:

"Wir suchen unser Glück außerhalb von uns selbst, noch dazu im Urteil der Menschen, die wir doch als kriecherisch kennen und als wenig aufrichtig, als Menschen ohne Sinn für Gerechtigkeit, voller Mißgunst, Launen und Vorurteile: wie absurd!" (Jean de La Bruyère)


Does humor belong in music?

"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit." (Karl Valentin)

Thelonius "Monk warf man vor, er könne ohnehin nicht spielen. Bis er eines Nachts bei einem Radiosender anrief und klarstellte: 'Das Klavier hat keine falschen Noten.'" (Die Zeit, 16.6.2005)
"Nach der Rückkehr von einer Tour im Auftrag des Goethe-Instituts durch Asien, Frage eines Reporters: 'Herr Mangelsdorff, sie haben mit dem thailändischen König Bhumipol gespielt. Wie spielt der König Saxophon?' 'Also für'n König ganz gut.' (www.jazzpages.com)

"Klassik ist oft so ernst. Trivialisiert eine Prise Humor sogenannte 'Große Musik'?"
"Ganz gewiss nicht, denn 'Große Musik' lebt doch von allen Emotionen und insbesondere auch sehr oft von dieser Prise Humor, die da drin sein muss... Wenn man ein humorloser Mensch ist, kann man diesen Aspekt der Musik auch nicht begreifen und kann die Musik nur ungenügend wiedergeben. Also ist Humor eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt zu interpretieren." (Interview mit dem Pianisten Martin Stadtfeld in Keyboards 1/07)


Ästhetische Theorie der Musik

Musikkritik ist ungefähr das Letzte, womit sich vernünftige Menschen beschäftigen sollten. Die Musik ist nämlich eine Sparte der Kunst, in der nichts als Willkür herrscht. Selbstbewußte Menschen schaffen nach ihrem Gutdünken kleine oder größere Klanggebilde. Damit wollen sie ein mehr oder weniger musikalisch gebildetes Publikum unterhalten, ihm einen Genuss verschaffen; und sie setzen darauf, dass deren Geschmacksurteile in ihrem Sinn positiv ausfallen ("Das ist schön!", "Das gefällt mir!"). Das Geschmacksurteil beruht immer auf einem Vergleich, nämlich dem des musikalischen Kunstwerks mit der Stimmung des Urteilenden und seiner Genusserwartung. Dabei geht es genauso beliebig zu wie bei der kreativen Tätigkeit des Kunstschaffenden.


© 2007 Dr. U. Simon